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In Erinnerung

Walter F. Riesen – ein Wegbereiter der kardiovaskulären Prävention


Walter F. Riesen
Zum Tod von Prof. Dr. Dr. h. c. Walter Friedrich Riesen, einem Pionier der Lipidologie und prägenden Vertreter der schweizerischen Labormedizin


Mit dem unerwarteten Tod von Walter Friedrich Riesen verliert die Schweizer Medizin einen Wissenschaftler, der die Labormedizin, Klinische Chemie, Immunologie und insbesondere die Lipidologie über Jahrzehnte mitgeprägt hat. Er gehörte zu jenen Forschern, die früh die zentrale Bedeutung der Blutfette für die Entstehung der Atherosklerose und damit für Herzinfarkt und Hirnschlag erkannten - zu einer Zeit, als dieser Zusammenhang noch kontrovers diskutiert wurde.

Walter Friedrich Riesen wurde am 14. Juni 1939 in Bern geboren und studierte Naturwissenschaften an der Universität Bern. 1969 promovierte er zum Dr. phil. nat. Nach Forschungsjahren am Institut für klinisch-experimentelle Tumorforschung der Universität Bern und am Basel Institute for Immunology habilitierte er sich 1977 für Immunologie. Im selben Jahr übernahm er die Leitung der Zentrallaboratorien der Bernischen Stadtspitäler; 1983 wurde er ausserordentlicher Professor für Immunologie und leitete zugleich das Lipidlabor der Universität Bern. Von 1990 bis zu seiner Emeritierung 2009 war er Direktor des Instituts für Klinische Chemie und Hämatologie am Kantonsspital St. Gallen.

Sein wissenschaftliches Lebenswerk galt dem Lipoproteinstoffwechsel und der Prävention der Atherosklerose. Walter Riesen liess sich von den anfänglichen Widerständen gegen die Cholesterin-Hypothese nicht beirren. Er entwickelte diagnostische Verfahren zur Untersuchung von Lipoproteinen und beschäftigte sich früh mit Apolipoproteinen und Lipoprotein(a), deren Bedeutung für die kardiovaskuläre Risikobeurteilung später zunehmend erkannt wurde und bis heute eine hohe Aktualität hat.

Dabei verstand er Forschung nie als Selbstzweck. Wissenschaftliche Erkenntnisse sollten den Patienten zugutekommen. Als Gründungs- und Vorstandsmitglied der Arbeitsgruppe Lipide und Atherosklerose (AGLA) der Schweizerischen Gesellschaft für Kardiologie trug er massgeblich zu den Empfehlungen zur Prävention und Behandlung kardiovaskulärer Risikofaktoren bei. Seine wissenschaftliche Produktivität war aussergewöhnlich: Eine Würdigung zu seinem 80. Geburtstag verzeichnete 381 wissenschaftliche Publikationen.

Walter Riesen engagierte sich weit über die eigene Forschung hinaus. Er gehörte dem Exekutivkomitee der International Task Force for the Prevention of Coronary Heart Disease an und war President sowie Ehrenmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Allergologie und Immunologie und der Schweizerischen Gesellschaft für Klinische Chemie. Darüber hinaus war er Ehrenmitglied der Arbeitsgruppe Lipide und Atherosklerose sowie der Schweizerischen Gesellschaft für Kardiologie. 2001 verlieh ihm die Medizinische Fakultät der Universität Zürich die Ehrendoktorwürde.

Auch die Emeritierung bedeutete für ihn keineswegs den Abschied von der Medizin. Er blieb in Lehre, Fortbildung und wissenschaftlicher Publizistik tätig, zunächst bei Springer Medizin Schweiz und später beim Ärzteverlag Medinfo, unter anderem als wissenschaftlicher Leiter von «info@herz+gefäss».

Wer Walter Riesen jedoch nur anhand seiner wissenschaftlichen Leistungen und akademischen Ämter würdigt, wird ihm nicht vollständig gerecht. Weggefährten beschreiben ihn als eine fachlich wie menschlich aussergewöhnliche Persönlichkeit, als ausgewogenen, liberal denkenden, offenen und humorvollen Menschen, als diskreten Mentor und verlässlichen Freund. Dass er noch in diesem Monat vom European Heart Journal als Top Reviewer in München ausgezeichnet wurde und diesen Award selber entgegennehmen konnte, spricht für sein Engagement und seinen überzeugten Dienst an der Wissenschaft.

Neben der Wissenschaft galt eine zweite grosse Leidenschaft der Musik. Schon als Jugendlicher spielte er Saxofon und erwog ernsthaft, Berufsmusiker zu werden, bevor er sich für die Naturwissenschaften entschied. Der Musik blieb er dennoch ein Leben lang verbunden.

Von besonderer Bedeutung war ihm seine Familie. Walter Riesen war zweimal verheiratet. Aus seiner ersten Ehe ging eine Tochter hervor, die ihm zeitlebens viel bedeutete. Nach dem Verlust seiner ersten Frau durfte er in einer zweiten Ehe nochmals persönliches Glück erfahren.

Walter Riesen gehörte zu einer Generation von Forschern, die eine zunächst umstrittene wissenschaftliche Erkenntnis beharrlich prüften, diagnostisch nutzbar machten und in die klinische Praxis überführten. Als er sich der Lipidforschung zuwandte, war die kausale Rolle des Cholesterins in der Pathogenese der Atherosklerose noch Gegenstand heftiger Kontroversen. Heute gehören die Erfassung und Behandlung von Lipidstörungen selbstverständlich zur kardiovaskulären Prävention. Dass diese Entwicklung in der Schweiz früh wissenschaftlich verankert und in die ärztliche Praxis getragen wurde, ist auch sein Verdienst.

Mit Walter Friedrich Riesen verliert die Schweizer Medizin einen bedeutenden Forscher, Lehrer und Mentor. Seine Familie und seine Freunde verlieren einen ihnen tief verbundenen Menschen. Sein Vermächtnis lebt in seinen wissenschaftlichen Arbeiten, in den Institutionen und Empfehlungen, die er mitgestaltet hat, und in den Menschen weiter, denen er Wissen, genuine Neugier und wissenschaftliche Haltung vermittelt hat. In der Erinnerung an ihn verbinden sich jene drei Elemente, die sein Leben auf besondere Weise prägten: die Leidenschaft für die Wissenschaft, die Liebe zur Musik und die Verbundenheit mit seiner Familie und seinen Freunden. Dass er in seiner langen medizinischen Karriere bis zum letzten Tag als Rollenmodell in Forschung, Lehre und Klinik aktiv bleiben durfte, ist sein Privileg und unser Trost.

 

Vorstand der Arbeitsgruppe Lipide und Atherosklerose (AGLA) der Schweizerischen Gesellschaft für Kardiologie unter Einbezug von Unterlagen von Dr. Hans Riesen, PD Dr. Rubino Mordasini, Prof. Giorgio Noseda, Heidi Fuchs, MBA.